Philosophieakademie 2017

Philosophieakademie 2017

Philosophie ist vielerorts verrufen. Als brotloser Job, lebensfremd, unwichtig, als Aufgabe alter bärtiger Griechen. Doch weit gefehlt: Auch Jugendliche können mit Philosophie etwas anfangen. Zumindest deutet die Zahl von 700 jugendlichen Bewerbern für die Philosophie-Akademie der young leaders GmbH daraufhin. Doch natürlich konnten nicht alle 700 Bewerber mitphilosophieren, sondern nur 20 Jugendliche kamen in den Genuss der einwöchigen Philosophie-Akademie, die uns in die tschechische Hauptstadt, nach Prag, führte.

Vier Referenten verbrachten diese Woche mit uns, dabei sprachen wir über viele unterschiedliche Themen. Große Themenblöcke wie Freiheit, Menschenwürde, Liebe, Logik, Gott, Tugenden und ähnliche Themen wurden angeschnitten, wobei die Referenten nicht immer einer Meinung waren. Und selbstverständlich waren auch die Teilnehmer nicht immer der Meinung der Referenten, wodurch es zu teils heftigen Diskussionen kam. Die Meinungen klafften gelegentlich weit auseinander, aber das machte es umso spannender.

Dass einzige, was die Referenten verband, war neben einer Professur für Philosophie der christliche Glaubenshintergrund. Nicht mal eine gemeinsame Sprache sprachen sie, aber Gott hatte seinen festen Platz in der von ihnen vertretenen Philosophie. Drei der Referenten sprachen darüber auf Englisch, der vierte war deutscher Herkunft. Professor Jörg Splett stellt mit seinen 81 Jahren einen deutlichen Altersunterschied zu den verschiedenen Teilnehmern dar, jedoch äußert sich das hohe Alter vor allem durch eine Fülle an Lebenserfahrung und philosophischem Fachwissen. Beeinträchtigen scheint es ihn überhaupt nicht: Er referiert scharfsinnig, achtet auf sprachliche Differenzierungen und trägt sehr präzise seine Argumentation vor, sodass alle folgen können. Der christliche Philosoph und Theologe ist von den Angeboten der young leaders GmbH nicht mehr wegzudenken, so sitzt er auch im Kuratorium der Stiftung politische und christliche Jugendbildung, die die Angebote finanziert.

Doch auch die anderen drei Professoren beeindrucken die Zuhörer, einer bereits durch seine weite Anreise. Aus den USA nach Prag, allein für einen Tag Philosophie mit Jugendlichen, das war die Reiseroute von Professor O´Callaghan, der mit uns Jugendlichen auf Englisch über Menschenwürde sprach und dabei seinen Schwerpunkt auf die Abtreibung behinderter Kinder legte. Für ihn selbst stellte dies ein wichtiges Thema dar, da er selbst einen Sohn mit Down-Syndrom hat, der von anderen Menschen abgetrieben worden wären. Auch wenn Philosophie nicht durch willkürliche Gefühle gelenkt werden sollte, hatte es einen Einfluss auf die Teilnehmer, diese persönliche Information vom Professor zu erfahren, der sich vehement gegen die von Singer vertretene Trennung von Mensch und Person aussprach.

Die beiden anderen Professoren kamen aus Rom, dem Sitz der katholischen Kirche, und lehrten tatsächlich an den beiden Päpstlichen Universitäten, sodass auch sie eine katholische Position vertraten. Ob die vertretene Philosophie deshalb einseitig war? Vielleicht. Ob deshalb die Akademie langweilig war? Definitiv nicht. Während der Vorträge der Referenten entstand immer ein großes Diskussionspotenzial, welches die Teilnehmer gemeinsam mit den Professoren oder auch nur miteinander wahrnahmen. Und da die Vortragsblöcke nicht ausreichten, wurden die Diskussionen abends in gemütlicher Runde mit einem Glas Rotwein für den Referenten fortgesetzt, wobei die Themen stets persönlicher waren als in den Vorträgen.

Doch nicht immer diskutierte man über Philosophie, das hätten selbst wir nicht ausgehalten. Also sprachen wir über das zweite Thema, das uns irgendwie faszinierte: Politik. Dass dabei die Junge Union auf eine überzeugte Antifaschistin, Lindner-Anhänger auf Tier- und Umweltschützer trafen, machte die Gespräche interessanter und die Diskussionen hitziger. Doch bei all den abweichenden politischen Standpunkten mochten wir einander immer noch und konnten gemeinsam über Politik lachen, auch über die eigene Ausrichtung. Im Laufe der Woche entstanden in Anspielung an die Plakatkampagne der Freien Demokraten so einige gefälschte Wahlplakate in Schwarzweiß mit den Konterfeis der Teilnehmenden. Dazu gab es inhaltsvolle Slogans („Geld ist nicht alles – Gold, Aktien und Grundbesitz gehören auch dazu“, „Für mehr Nachdenken in der Politik“), über die wir alle lachen konnten.

Manch einer wird sich fragen, was das für Jugendliche sind. Ist das etwa die Elite Deutschlands, wie die Gruppe selbst im Scherz unter dem Motto „20 von 700“ behauptete? Nein, es sind einfach Jugendliche, die sich gerne mit Philosophie beschäftigen, beim Essen über Politik reden und sich ansonsten miteinander anfreunden, über ihren Musikgeschmack streiten, auf der Bahnfahrt Serien schauen, sich in Prag amüsieren gehen, und nicht immer das tun, was die Tagungsleiterin von ihnen verlangt. Und sie sind alle sozial, politisch oder kirchlich engagiert, was die Teilnahmevoraussetzung war.

Doch auch wir hatten Freizeit, in der wir wie gesagt durch Prag streiften und die Innenstadt der sogenannten Goldenen Stadt besichtigten. Die Karlsbrücke und die Prager Burg waren die beiden bedeutendsten Sehenswürdigkeiten, aber bei weitem nicht alles, was wir von der Stadt zu sehen bekamen. Insgesamt war das aber viel zu wenig, darüber waren wir uns bei der Abreise am Sonntag einig.

Diese Abreise ist nochmal eine Sache für sich: Wir stiegen am Sonntagmorgen im Prager Hauptbahnhof in den Zug und kamen am Sonntagmittag am Prager Hauptbahnhof wieder an. In der Zwischenzeit kamen wir fast bis an die deutsche Grenze, da aber Sturm Herwart einige Bäume auf unsere Strecke gekippt hatte, musste die ganze Gruppe wieder zurück nach Prag fahren, wo wir dann den restlichen Sonntag in einem Hostel verbrachten und noch etwas mehr von Prag sahen. Am nächsten Tag konnten wir dann übermüdet endlich unsere Heimreise antreten, die uns alle tatsächlich zurückbrachte.

Ich persönlich wäre aber jeder Zeit wieder dabei!

Bericht: B. Kurtz